„Wo Himmel und Erde sich für einen Moment berühren“

21.07.2026 |

Es ist ein Ort, der von verlorener und neu gefundener Heimat, aber auch tiefer Dankbarkeit kündet: Die von dem Unternehmer Josef Schnell erbaute Kapelle St. Josef im Rebland bei Baden-Baden steht allen offen, die innehalten und Ruhe finden wollen.

Die geschwungene Dachfläche und der markante Dachreiter machen die Kapelle schon von weitem erkennbar.
 
Vom pulsierenden Zentrum der berühmten Kur- und Festspielstadt Baden-Baden, seit 2021 UNESCO Welterbe, lässt sich in rund zehn Minuten Fahrzeit das ruhige Rebland erreichen. Dieses ist eines der bekanntesten deutschen Riesling-Anbaugebiete. Malerische Winzerorte zwischen endlosen Rebhängen ziehen Wein-, Wander- und Naturliebhaber gleichermaßen an. Hoch über Varnhalt, einem der drei zu Baden-Baden gehörenden Reblanddörfer, steht die katholische Kapelle St. Josef. 

Die inmitten von Reben errichtete Kapelle ist nicht direkt mit dem Auto zu erreichen, doch das letzte Stück zu Fuß lohnt sich. Auf dem Weg bietet sich eine atemberaubende Aussicht weit ins Rheintal, an wolkenfreien Tagen sogar bis zu den Vogesen. Der kleine Kapellenbau ist dank der geschwungenen Dachfläche und dem markanten Dachreiter, in dem die von der Karlsruher Glockengießerei gefertigte Bronzeglocke hängt, schon von weitem zu erkennen. Die Josefskapelle steht allen offen, die auf dem Weg innehalten, Ruhe finden und Kraft schöpfen wollen. Benannt nach dem Schutzpatron der Handwerker und Arbeiter und der Familien, kündet sie von verlorener und neu gefundener Heimat, von Unternehmergeist und von tiefer Dankbarkeit. 

Die 1989 erbaute Kapelle befindet sich im Eigentum der in Varnhalt ansässigen Unternehmerfamilie Schnell. Diese lässt das Gebäude und den von einer Steinmauer eingefassten winzigen Park mit Pflanzen, Vorhof, Sonnenuhr und Sitzbänken sorgfältig pflegen. Das Kleinod ist sozusagen das Gegenteil von einem „Lost Place“ – ein „Found Place“ in mehrfachem Sinn. Josef Schnell, Erbauer der Josefskapelle, war in Banat-Brestowatz geboren und nach dem Zweiten Weltkrieg als junger Mann aus dem damaligen Jugoslawien vertrieben worden. 1950 kam er nach Varnhalt. Nach schweren Jahren von Krieg und Vertreibung fand er im Rebland nicht nur eine sichere Bleibe, sondern eine echte neue Heimat. 

1955 gründete Josef Schnell mit seiner Frau Rosa, genannt Resel, ein Unternehmen für Holzimprägnierung. Für Energieversorgungsunternehmen und Post übernahm der Betrieb die Nachpflege der damals noch hölzernen Strom- und Telekommunikationsmasten. Ein Motorrad mit Anhänger diente als allererstes Geschäftsfahrzeug. Aus diesen bescheidenen Anfängen ist die Josef Schnell Unternehmensgruppe erwachsen: An vier Standorten in Baden-Württemberg – Baden-Baden, Efringen-Kirchen, Ladenburg und Offenburg – gestaltet sie die Infrastruktur von morgen. Zu ihren Leistungen gehören Tief-, Straßen- und Leitungsbau sowie Spezialtechniken. Die Unternehmensgeschichte reicht inzwischen über drei Generationen. Vertretungsberechtigte Geschäftsführer der Josef Schnell Holding GmbH sind Joschi Schnell, Alexander Schnell, Timm Schnell und Linda Schnell. 

Ein Sohn von Josef Schnell, Leander Schnell, wechselte die Branche und machte sich als McDonald‘s Franchisenehmer selbstständig. 1995 eröffnete er sein erstes Restaurant in Bruchsal und wirkte als einer der McDonald‘s-Pioniere in der Region. Damals wirkte ein solches Restaurant in jeder Stadt wie ein Magnet. Heute umfasst McDonald‘s Schnell insgesamt 17 Restaurants in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Leander Schnell hat die Leitung inzwischen an seinen Sohn Dennis Schnell übergeben. Er selbst lebt in Varnhalt und hat von seinem Haus aus die Josefskapelle im Blick. „Die Kapelle ist in die Erzdiözese Freiburg eingebunden“, erklärt er. „Gelegentlich werden darin auch Gottesdienste gefeiert.“ 

Das ganze Jahr über dient die von Josef und Rosa Schnell 1989 aus Dankbarkeit für die Aufnahme in der Region und für den unternehmerischen Erfolg erbaute Kapelle als stiller Ort des Gedenkens und der Einkehr. Eine Tafel erinnert an den einst von Deutschen bewohnten Ort Banat-Brestowatz und gedenkt der in den beiden Weltkriegen gefallenen und vermissten sowie der in den Lagern nach Kriegsende 1945 verstorbenen Landsleute. Auf einer weiteren Tafel fasst Edmund Frank, bis zur Eingemeindung nach Baden-Baden 1972 Bürgermeister von Varnhalt, die Geschichte des Winzerdorfs im Rebland zusammen. So wird der emotionale Spagat sichtbar, den der inzwischen verstorbene Josef Schnell zwischen dem Verlust der alten Heimat und dem Ankommen in der neuen Heimat zu bewältigen hatte. Das Innere der Kapelle ist schlicht gestaltet. Eine große Glasfront und kleine Buntglasfenster lassen mit Tages- und Jahreszeit wechselndes Licht herein. 

In das ausliegende Gästebuch schreiben Besucherinnen und Besucher ihre Eindrücke und Anliegen hinein. Viele formulieren Gebete. Manche drücken Trauer aus, andere bitten für das Wohl von geliebten Menschen oder um Frieden in der Welt. Wieder andere artikulieren ihre Dankbarkeit, diesen besonderen Platz entdeckt zu haben. Vielleicht findet sich der Ort, „an dem sich Himmel und Erde berühren“, wie es in einer 2004 in der Josefskapelle von Heribert Scherer gehaltenen Predigt heißt, ja tatsächlich mitten in unserem Leben, in unserem Alltag – mitten in den Weinbergen über Varnhalt. 
 
Sibylle Orgeldinger