Universität Freiburg gibt Menschenknochen an Kamerun zurück

21.07.2026 |

In der Kolonialzeit wurden Hunderte Tote nach Deutschland verschleppt - für rassistische Forschung. In Freiburg gab es jetzt eine Zeremonie der Versöhnung. Sechs menschliche Reste werden an Kamerun zurückgegeben.

Die Universität Freiburg hat die sterblichen Überreste von sechs Menschen aus Kamerun an Vertreter ihrer indigenen Gemeinschaft zurückgegeben. Mit der feierlichen Zeremonie erinnert die Universität an das koloniale Unrecht und setzt ein Zeichen für Versöhnung und die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.
 
In einer würdevollen, emotionalen Zeremonie hat die Universität Freiburg am Donnerstag die sterblichen Überreste von sechs Personen an deren indigene Gemeinschaft in Kamerun zurückgegeben. Rektorin Kerstin Krieglstein verneigte sich vor den in der Universitätskirche aufgebahrten, schlichten Holzsärgen. Zur Ehre der Verstorbenen wurde an den blumengeschmückten Särgen jeweils eine Kerze entzündet. "Die damalige Wissenschaft hat Menschen ihrer Würde beraubt und sie zu Forschungsobjekten gemacht. Für dieses schwere Unrecht übernehme ich als Rektorin die Verantwortung."
 
Vertreter der Indigenengemeinschaft der Maka und des Staates Kamerun sprachen von einem wichtigen Schritt der Versöhnung. Die sterblichen Überreste sollen bald zu einer Bestattung in ihre Heimat zurückkehren. Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest, weil Kamerun die Universität zuletzt überraschend darüber informierte, dass in Kamerun noch letzte offene Fragen geklärt werden müssten.
 
Forscher raubten Menschenwürde

Die sechs Menschen waren vor mehr als 100 Jahren in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun getötet und dann für rassistische Forschung nach Deutschland gebracht worden. Anhand ihrer Knochen wollten Anthropologen die vermeintliche Überlegenheit von weißen Menschen belegen.
 
Das Deutsche Reich beanspruchte Kamerun ab 1884 als kolonialen Besitz - mit einer Fläche, die etwa so groß wie das Deutsche Reich war. Nach Deutsch-Südwestafrika war es die zweite deutsche Kolonie. Durch das brutale Vorgehen der Besatzer starben unzählige Menschen. Widerstand, auch durch das Volk der Maka, wurde niedergeschlagen. Nach der militärischen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg übernahmen dann England und Frankreich die Kolonie Kamerun.
 
Namenlose Tote

Die Freiburger Historikerin und Uni-Prorektorin Sylvia Paletschek sagte bei der Zeremonie, dass trotz intensiver Forschung die Namen und die Geschichte der sechs nach Freiburg verschleppten Kameruner nicht geklärt werden konnten. "Auch die genauen Umstände ihres Todes sind unklar. Der Zusammenhang mit den deutschen Kolonialverbrechen ist aber eindeutig."
 
Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) erklärte in Stuttgart: "Die Ahnen heutiger Familien und Communities gehören zurück in ihre Heimat."
 
Pfarrer Deogratias Maruhukiro sagte in dem ökumenischen Gottesdienst, die Rückgabe an Kamerun und die geplante würdevolle Beisetzung seien wichtige Schritte der Versöhnung. "Wir machen deutlich, dass die Toten nicht vergessen sind, sondern uns auch nach mehr als 100 Jahren nahe sind." In der Kultur der Maka gelten die sechs nach Deutschland verschleppten Personen als Ahnen und wichtige historische Vorbilder im Widerstand gegen die Besatzer.
 
Weitere 1.500 menschliche Überreste

Die Uni Freiburg arbeitet seit mehreren Jahren an der Aufarbeitung ihrer großen anthropologischen Sammlung. Dort liegen heute Knochen und Schädel von etwa 1.500 Menschen. 300 stammen aus der Kolonialzeit. Ähnliche Sammlungen gibt es auch an anderen deutschen Universitäten. Die Uni Freiburg hat bereits menschliche Knochen an Gemeinschaften in Namibia, Australien, auf Hawaii und auf den Marshallinseln zurückgegeben. Weitere Projekte laufen.
Zum Schutz der Betroffenen will die Uni derzeit aber nicht erläutern, um welche Länder und um wie viele Fälle es geht. Die Aufarbeitung und Rückgabe sei viel mehr als ein "logistischer Prozess", sagte eine Unisprecherin. "Vielmehr geht es um Prozesse der Heilung, bei denen zerbrochene Geschichten und Biografien wieder miteinander verknüpft werden."
 
Ausstellung zum Thema Kolonialismus

Derzeit befasst sich auch eine Ausstellung des niederländischen Künstlers Marcel van Eeden im Freiburger Augustinermuseum mit Kolonialismus und rassistischen Verbrechen.
 
Rektorin Krieglstein betonte am Donnerstag, die aktuelle Übergabezeremonie mit Kamerun sei ein wichtiger Schritt, aber keineswegs das Ende der Aufarbeitung. Ziel der Uni ist es, die eigenen Aufarbeitungsforschungen international zu vernetzen.
 
KNA