Andreas Kronenberg, Torwarttrainer der Fußballnationalmannschaft, spricht mit Martin Mölder über seinen Glauben und über die besondere Herausforderung, die auf die Nummer 1 im Tor wartet.
Andreas Kronenberg, Torwarttrainer der deutschen Nationalmannschaft, spricht über seinen Glauben, Gebet und die Bedeutung von Respekt im Sport.
Herr Kronenberg, Sie sind in einem katholisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, aber eine Beziehung zu Gott haben Sie erst viel später aufgebaut. In welcher Lebensphase war das?
Andreas Kronenberg: Das war damals in einer schwierigen Phase. Ich war als Fußball-Profi kurzfristig arbeitslos und habe nach einer Perspektive in meinem Leben gesucht. Damals habe ich gemerkt: Da interessiert sich offensichtlich jemand für dich und dieser Jemand war Gott. Das ist schwer zu erklären und ich glaube, so etwas muss man selbst erleben, um es nachvollziehen zu können. Ich habe gespürt, dass Gott wirklich lebendig ist und nicht irgendetwas Abstraktes, auch dadurch, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Ich habe begonnen, mich mit diesem Menschen und Gottessohn Jesus zu beschäftigen und ich habe bei einigen Geschichten in der Bibel gemerkt, dass die auch mich persönlich betreffen.
Was fasziniert Sie besonders an Jesus?
Mich fasziniert bis heute, wie Jesus gelebt, was er bewirkt hat und dass er immer bei denjenigen war, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden: bei den Sündern, den Aussätzigen, Bettlern und Armen. Dass er dann sogar sein Leben für uns gegeben hat, ist nach wie vor für mich unvorstellbar und nicht zu begreifen. Was kann man mehr für einen Menschen und in dem Fall für die gesamte Menschheitsfamilie tun, als sein eigenes Leben zu opfern? Jedes Mal, wenn ich mich mit dieser Frage beschäftige, werde ich sehr demütig und denke oft, dass ich diesen Jesus schon sehr gerne mal persönlich kennengelernt hätte.
Inwiefern ist das Gebet für Sie wichtig?
Seitdem ich mich mehr mit dem Glauben beschäftige, beginne ich jeden Tag mit einer stillen Zeit. Manchmal spreche ich ein Gebet oder lese einen Text aus der Bibel. Ich habe dann oft das Gefühl, dass Gott durch diese Geschichten zu mir spricht, dass wir in einen Austausch kommen. Das geht über das hinaus, was wir tatsächlich berühren, sehen und fühlen können. Ich empfinde sehr häufig in diesen stillen Momenten eine tiefe Dankbarkeit für all das, was Gott mir geschenkt hat.
Spielt Ihr christlicher Glaube in Ihrer Arbeit als Torwarttrainer eine Rolle?
Nicht direkt. Höchstens dann, wenn wir Werte wie Fairness und Respekt gegenüber allen Menschen, auch zu meinem Gegenspieler auf dem Spielfeld, als christliche Werte betrachten. Aber man muss natürlich nicht Christ sein, um diese Werte zu achten und einzuhalten und ich schaffe das ja auch nicht immer und jeden Tag. Zumal für mich der christliche Glaube einen ganz anderen Kern hat, und zwar den der Gnade, aus der ich lebe. Das ist für mich viel wichtiger, als mich zu fragen, ob ich die christlichen Werte immer einhalten kann. Interessanterweise erlebe ich aber die Gebetszeiten im Kreis der Nationalmannschaft viel intensiver. Warum das so ist, kann ich nicht erklären.
Was schätzen Sie besonders an Ihrem Beruf?
Für mich war es immer etwas Besonderes, mit Menschen arbeiten zu dürfen. Das war schon in Freiburg so und jetzt hier beim DFB ist genau dies auch das Schönste an meiner Arbeit. Wir haben ein wirklich tolles Trainerteam, das sich gut versteht und sehr konstruktiv und konzentriert miteinander arbeitet. Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass jeder mit seinen Talenten, seinen Gaben dazu beiträgt, dass wir gemeinsam hoffentlich unsere Ziele erreichen. Da sind wir wieder beim Thema Respekt, denn in einem respektvollen Miteinander kann ich mein Gegenüber auch kritisieren. Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir die Unterschiedlichkeit, die Vielfalt, auch unterschiedliche Meinungen in unserer Gesellschaft unbedingt brauchen. Gerade im Moment, in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft sich zu spalten und auseinanderzuentwickeln droht, finde ich, dass wir umso offener aufeinander zugehen und versuchen sollten, Gemeinschaft wieder zu schätzen und zu fördern.
Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich habe den Eindruck, dass manche Cheftrainer von Bundesligavereinen oder auch die Fußballprofis selbst kaum mehr ehrlich gemeinte, konstruktiv-kritische Rückmeldungen bekommen. Ich selbst schätze es sehr, wenn Kritik möglich ist, so wie beispielsweise mit Julian Nagelsmann, meinen Torhütern oder auch mit Christian Streich früher in Freiburg. Wenn ich am Ende des Tages aus einem Gespräch, einem Lehrgang rausgehe und merke: Da war richtig Bewegung drin, da haben wir uns gegenseitig auch mal die Meinung gesagt, da sind durchaus auch die Fetzen geflogen, aber es war ehrlich und gut gemeint und stets respektvoll, dann ist das etwas Großartiges. Solche Momente erlebe ich als wirklich erfüllend für mich, denn gemeinsam gute Dinge zu bewirken und lohnenswerte Prozesse anzustoßen, ist letztlich unser Job.
Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Torhüter von Feldspielern?
Du musst als Torwart vor allem eins haben: Geduld. Du musst es aushalten können, dass minutenlang nichts passiert in deinem Strafraum bis zu dem Moment, in dem es auf dich ankommt. Du kannst proaktiv nicht viel tun, bis du dann sofort „da“ und hellwach sein musst. Als Feldspieler rennst und kämpfst du, bist idealerweise die ganze Zeit im Spiel. Als Torwart musst du warten, bis deine Aktionen kommen, die du dann bestmöglich lösen musst. Und wenn du einen Fehler machst, kann das wesentlich größere Konsequenzen haben als ein Fehlpass eines Feldspielers in der gegnerischen Hälfte. Das ist eine enorme mentale Herausforderung und damit umzugehen, ist nicht einfach. Du bist innerhalb dieser Mannschaft sozusagen auch ein Einzelsportler, der immer wieder die Möglichkeit hat, seiner Mannschaft zu helfen, aber meist nicht in den Momenten, in denen du es gerade erwartest.
Vor der Weltmeisterschaft redeten wieder rund 80 Millionen Bundestrainer mit, auch in Bezug auf die Torwartfrage ...
... tatsächlich haben wir Millionen Torwarttrainer in unserer Republik (lacht). Ich stehe allerdings nicht so stark in der Öffentlichkeit wie Julian Nagelsmann und ich sehe auch meine Aufgabe nicht darin, alles in der Öffentlichkeit zu debattieren. Meine Aufgabe ist es, den Cheftrainer für die Sichtweise eines Torwarts zu sensibilisieren und ihn bestmöglich zu beraten. Diese Gespräche sind vertraulich und bisweilen konstruktiv kontrovers. Ein zentrales Argument dafür, als Torwarttrainer im Hintergrund zu arbeiten, ist das Vertrauensverhältnis zu den Torhütern, die unter besonderer medialer Beobachtung stehen. Wenn in der Öffentlichkeit kritisch über einen Torwart debattiert wird und ich aus meiner Sicht für ihn Partei ergreife, muss ich mich gleichzeitig fragen, was das für die anderen Torhüter im Team bedeutet. Ich halte mich daher mit öffentlichen Statements und Bewertungen zurück. Wir haben in Deutschland so viele großartige Torhüter, dass sich niemand Sorgen machen muss. Ich sehe jeden Tag im Training, was die Jungs leisten und das ist wirklich herausragend.
Zur Person
Andreas Kronenberg wurde am 10. September 1974 in Basel geboren. Seit 2021 ist er Torwarttrainer der deutschen Nationalmannschaft.
Kronenberg war im Kader der U-16-Nationalmannschaft der Schweiz und bei der Fußball-Europameisterschaft 1991 im eigenen Land dabei. 1994 kam er zu drei Einsätzen in der Schweizer U-21-Nationalmannschaft.
2008 trainierte er die Torhüter des Nachwuchsbereiches des FC Bayern München und war seit 2009 auch Sozialpädagoge im FC-Bayern-Jugendhaus. In der Bundesligasaison 2011/12 übernahm er den Job als Torwarttrainer der Profimannschaft des Bundesligisten SC Freiburg.
Im August 2021 wurde er parallel zu seiner Tätigkeit beim SC Freiburg unter dem neuen Bundestrainer Hansi Flick Torwarttrainer der deutschen Nationalmannschaft. Nach der Saison 2021/22 beendete Kronenberg seine Tätigkeit beim SC Freiburg, um sich voll auf die Aufgabe beim DFB zu konzentrieren.